Die Locken der Mary Pickford

MaryPickfordWebAm 21. Juni 1928 ließ die Schauspielerin Mary Pickford sich in New York vor versammelter Presse die Haare abschneiden und zu einem Bob frisieren. Mit ihrem öffentlichkeitswirksamen Friseurbesuch trennte sich Pickford nicht nur von ihren Locken, sondern auch von ihrem Publikum und läutete das Ende ihrer Karriere ein. Dieses heute der Vergessenheit anheimgefallene Medienereignis nimmt Stefan Ripplinger in seinem Essay über „Mary Pickfords Locken“ zum Ausgangspunkt einer, so der Untertitel, „Etüde über Bindung“. Mit Bindung ist hier die enge Bindung zwischen dem Star und seinem Publikum gemeint; auf dem Höhepunkt ihres Erfolges bekam Pickford um die 500 Fanbriefe pro Tag. Das Ausmaß ihrer Popularität ist unter den Zeitgenossen nur mit dem Charlie Chaplins gleichzusetzen.

Mary Pickford war nicht nur der neben Lilian Gish international populärste weibliche Star ihrer Zeit, sie war auch der unabhängigste. Ripplinger vermeidet die Simulation wissenschaftlicher Distanz und gerät immer wieder ins reflektierte Schwärmen: „In Wahrheit geht am 21. Juni 1928 die Karriere der meistgeliebten, erfolgreichsten, reichsten, mächtigsten, freiesten, vielseitigsten, sensibelsten und begabtesten Frau der Filmgeschichte zu Ende.“ Und Pickford konnte tatsächlich alles: Sie spielte Frauen, Männer, Kinder, sie diskutierte mit den Regisseuren über Kameraeinstellungen, schrieb ihre Drehbücher selbst und außerdem noch eine vielgelesene Kolumne.

Ripplinger kommt immer wieder auf die Semantik der Frisuren Pickfords zurück: „Gegenlicht-Effekte, spezielle Spots lassen ihr Haar aufstrahlen, es ist wie ein Lichtkranz, den die Maler der Renaissance und des Barock ihren Fürstinnen als säkularen Nimbus verleihen und so die christliche Gloriole ersetzen“. Der offensichtlichste Effekt sei natürlich ein erotischer: „So wenig sich der Viktorianer über ein zufällig erhaschtes Füßchen beruhigen kann, so wenig über Frauenhaar, in dem die Sonne spielt.“ Das genüge aber nicht als Erklärung, schließlich sei die Körperlichkeit in der vergleichsweise freizügigen frühen Phase des Kinos nicht weiter aufgefallen. Ausschlaggebend für den Erfolg von Mary Pickfords Locken sei deren Mehrfachcodierung gewesen: „Ihre Performance ist körperlich, von großer Natürlichkeit, aber oft geschlechtslos. Ist das Haar also erotisch, dann im Widerspruch zur Rolle.“ Damit wird Pickford als eine frühe Initiatorin von filmischem gender trouble begreifbar. „Wer über den Reiz dieser Locken nachsinnt, stößt auf Überlagerungen, Zwischentöne, Doppeldeutigkeiten. Es ist das Haar eines himmlischen, aber zugleich ganz irdischen Wesens, eines geschlechtslosen Kindes und doch einer reifen Frau, einer höfischen Dame und einer Deklassierten.“ Die Eindeutigkeit wird porös und es ist diese Lockerung der Zuschreibungen, die nach Ripplinger einen zentralen Reiz der Filme Pickfords ausmacht: „Das Zweideutige zieht an, auch, weil es hier selten zwielichtig wird.“

Das schmale Bändchen von etwas über 90 Seiten erinnert auch an die Grenzüberschreitungen, die im Kino der 1910er und 1920er Jahre noch möglich waren – eine Erinnerung an eine Phase in der Filmgeschichte, in der es auf der Leinwand wilder und freisinniger zuging als im Hollywood-Film ab den 1940er Jahren. In „Wilful Peggy“, erschienen 1910, wurde der gender trouble mit einem Mal zu einem ganz buchstäblichen Ärgernis: „In einer atemberaubenden Performance, die sie selbst in ihren besten Filmen nur selten übertrifft, tobt und springt und schlägt und stampft und kratzt Pickford als Peggy, bringt höfische Feste durcheinander, brennt in Männerkleidung mit des Lords Neffen durch und zerschlägt, als der Neffe sie küssen will, das Mobiliar einer Schenke.“

In ihrem lebendigen und die Zuschauerin vitalisierenden Furor koppeln sich diese Filme allerdings nicht vom Wirklichen ab. Sie sind Phantasien, aber sie lügen nicht: „Diese Filme glauben nicht an die romantische Liebe. Sie glauben nicht an die Liebe über Klassenschranken hinweg. Für sie macht die Frisur die Frau, und nicht jede kann sich den schicken Friseur leisten.“ Bei aller Überschreitung der Grenzen, die unser Erleben und unsere Wünsche bestimmen, bei aller Überschreitung also der Grenzen zwischen den Klassen, den Geschlechtern, der Grenze zwischen erwachsen und kindlich, die hier immer wieder voller Freude durchgespielt wird, bleiben diese Filme damit in der Welt verankert, die sie beschreiben; eine „Würde im Weltlichen“ konstatiert Stefan Ripplinger. Und das ist schon einmal mehr, als sich vom Großteil der aktuellen Filmproduktion sagen ließe.

 

von Benjamin Moldenhauer

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